Praxis & Schule für TouchLife Massage Köln | Begegnungen & Berührungen in Bosnien
Auszug aus meinem Tagebuch - Bericht über meinen Einsatz für das Healing Hands Network in Bosnien.
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Berührungen & Begegnungen in Bosnien

Auszug aus meinem Tagebuch, welches in ähnlicher Form mehrere Male veröffentlicht worden ist, unter anderem in dem Buch „Glücksgriffe“ .

Im Mai 2003 wurde ich in einem der TouchLife Newsletter auf die Organisation „Healing Hands Network“ aufmerksam. HHN, eine gemeinnützige Organisation aus England, bietet seit 1997 kostenlose Behandlungen für durch Krieg traumatisierte Menschen an. Neben Sponsoren werden auch immer wieder Therapeuten alternativer Heilmethoden gesucht. Bodyworker, die bereit sind, 14 Tage in Bosnien zu arbeiten. HHN finanziert sich durch Spenden und freiwillige Helfer. Die TouchLife Schule teilte auch mit, dass sie die Personen finanziell unterstützt, die die Herausforderung annehmen, bedürftige Menschen zu massieren.

Ich fühlte mich sofort angesprochen, mein ganzer Körper reagierte und der Newsletter lag drei Nächte lang neben meinem Kopfkissen.

Ich habe mich an die Zeit während des Krieges erinnert. Diese Zeit, als ich weinend vor dem Fernseher saß und mich hilflos fühlte.

Jetzt konnte ich endlich handeln!
Gesagt, getan.

Unterwegs mit dem Healing Hands Network

Im Juni 2005, nach meinem Einsatz in Bosnien für das Healing Hands Network, durfte ich meine Eindrücke in einem Interview auf WDR 5 schildern.

Der Krieg steckt in allen Körpern – Hanna Krstic hilft in Bosnien
Sendung vom 09.06.2005, 10.35 Uhr

Reise-Vorbereitungen

Ich habe mich Kali und Boaz mitgeteilt und in England bei HHN angerufen. Ab da war mir egal, was geschieht. Es war mir gleichgültig, weil es die gleiche Gültigkeit hat, wie auch immer diese Situation ausgehen sollte. Mir war es wichtig, das zu tun, wonach mir ist.

Ein Klient hat mir spontan das Ticket bezahlt, diverse Gruppen – Teilnehmer haben Geld gesammelt und auch Freunde haben mir Geld gegeben. Meine Familie und Freunde haben mir auch ihre Aufmerksamkeit geschenkt. Sie haben mich auf vielerlei Ebenen unterstützt.

Ich hatte auch Bedenken. Bedenken, ob mich die Menschen dort annehmen würden mit meinem serbischen Slang. Ob ich als Tochter eines Serben und einer Ungarin Kraft genug habe, in Bosnien zu arbeiten und auch Ablehnung anzunehmen.

Mitte September bin ich nach Sarajevo geflogen. Die erste Bodyworkerin aus Deutschland im Rahmen des Hilfsprojektes Healing Hands Network und die erste Deutsche, die die Landessprache spricht. Bei meiner Ankunft in Sarajevo nahmen mich zwei meiner englischen Kollegen in Empfang. Drei Stunden Flug trennten mich von meinem Leben und Arbeiten in Köln-Nippes.

Die Reise beginnt…

s_ruine„Es regnet und es ist kalt.
Ich bin angespannt.
Angespannt, bis ich Blickkontakt mit unserem Fahrer habe.
Sein Name ist Salih.
Wir fahren durch Sarajevo und zwischen strahlenden Neubauten sehe ich zerbombte Gebäude und zerschossene Häuser. Ein visueller Schock, eine Disharmonie, die mir das Gefühl von Machtlosigkeit gibt.

Meine Kollegen Charles und David tragen mein Gepäck in den Hof und erwarten mich im Hausflur der Klinik. Hier schlafen und arbeiten wir.

David zeigt mir die zwei Behandlungsräume. Ein Therapeut fängt um 8 Uhr an und der zweite um 8.15 Uhr. Somit ist Zeit geschaffen für die Übersetzung Englisch – Bosnisch. Der Arbeitstag endet gegen 16 Uhr. Bis dahin hat jeder von uns sechs bis acht Menschen behandelt. Abwechselnd arbeiten zwei in der Klinik und zwei „on outreach“. Das bedeutet, dass zwei Kollegen zu den Menschen nach Hause fahren, Flüchtlingslager aufsuchen oder in Räumen des Roten Kreuzes tätig sind.

Charles ist bereits zum dritten Mal hier. Sein Lächeln wirkt gutmütig und verschmitzt. Morgen fahre ich mit ihm nach Mostar. Dort werden wir für vier Tage arbeiten.

Mostar

s_mostarSonntag Mittag holt Salih uns ab.
In Mostar angekommen fährt er uns zu unserem Arbeitsplatz, dem Büro des Verbandes ehemaliger Lagerinsassen. Ich atme flacher und realisiere, wie meine Mundwinkel enger werden. Ja, hier arbeite ich ab morgen und gebe TouchLife Massagen.
Wir berühren Menschen.
Ich ahne, dass diese auch mich berühren werden.

Der Sekretär und der Übersetzer kommen auf uns zu. Wir schieben zwei Schreibtische als Massagetisch zusammen und testen, ob wir genug Platz haben. Ich schaue aus dem Fenster und sehe saftige Wälder auf silbernen Bergen. Eine malerische Altstadt, durch die ein türkisfarbener Fluß fließt. Ein Lächeln überfliegt mein Gesicht. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, wir haben freie Zeit. Haris, unser Übersetzer, führt uns zu unserer Wohnung. Ein lauer Wind weht, keine Wolke befleckt den perfekt blauen Himmel. Ferienkulisse.

s_fensterblickAbends genieße ich das Urlaubsflair, das Alleinsein. Gleichzeitig habe ich das Bedürfnis, meinen Liebsten zu Hause alles mitzuteilen. Fühle mich wie ein trauriges Mädchen. Habe erneut Bedenken, ob ich den kommenden Tagen gewachsen bin. Denke an die Stimmung während unserer Ausbildungszeit und an den Satz: „Manche Gefühle wollen einfach gefühlt werden.“ Fühle mich leichter und schlafe beruhigt ein.

Wir berühren Menschen

Montags studieren Charles und ich die von den Klienten ausgefüllten Fragebögen. Die Fragebögen geben uns Auskunft über Personalien, Kontraindikationen wie z. B. wandernde Granatsplitter im Körper, Alkohol- und Nikotinkonsum, verbleibende Familienmitglieder, bisherige Behandlungen und „any other information“. Unter dem letzten Punkt stehen Informationen wie: Bein & Sohn verloren im Krieg, Tochter vermisst, war sechs Monate im Lager, hat Alpträume.

Ich schrecke beim Anblick meiner ersten Klientin innerlich zusammen. Versuche, mich während unseres Gespräches zu besinnen. Auf meinen Atem, meine Körperhaltung und diese Liebe, die in mir wohnt. Frau Lulic ist 50 und sieht wie eine 80-jährige Frau aus. Sie hat eine gekrümmte Haltung und geschwollene Beine. Ihre Augen wirken wie zwei schwarze Höhlen auf mich. Sie schläft schlecht bis überhaupt nicht und hat Schmerzen in den Beinen. Sie wandert nachts umher und findet keine Ruhe. Seit 1992 oder 1993.

Während der Beinmassage ertaste ich Narben an den Oberschenkeln. Ich bin überrascht über eine starke Schwellung am äußeren Beckenrand und erkundige mich, wieviel Druck ich ausüben kann, so dass die Behandlung noch angenehm ist. Sie schweigt und ich habe es gehört. Nach kurzer Zeit sagt sie leise: „Sie haben mich getreten, mit den Füßen und ihren Gewehrkolben.“
Diesmal schweige ich und sie hört es.
Zum Abschied nimmt sie mein Gesicht in ihre Hände, küsst mich und segnet mich mit guten Wünschen. Dann zieht sie eine schwarze Sonnenbrille an und geht raus.

Meine nächste Klientin heißt Habiba. Sie zittert am ganzen Körper. Ständig. Sie gibt sich Mühe, sich der Rückenmassage hinzugeben und zu entspannen. Sie hat sich auf die Behandlung gefreut. Ihre Augen sind weit aufgerissen und sie zittert. Seit mehreren Jahren. Während der Behandlung vibriert ihr Körper unter meinen Händen. Mir fällt das Sprichwort „bis ins Mark erschüttert sein“ ein und weiß jetzt, was damit gemeint ist.

Ich bin voller Dankbarkeit über ihr Vertrauen mir gegenüber. Bewundere und achte sie dafür. Die Menschen kommen herein, ziehen sich aus und ich fasse sie an. Ein Kurs in Demut.

Zwischen Frauen, die während des Krieges in Lagern inhaftiert waren und an den Folgen der Verhaftung sowie seelischer und körperlicher Folter leiden, taucht ein großer, kräftiger Mann auf. Er ist laut, witzig, hat Hände wie ein Grizzlybär.
Wahrscheinlich das, was man ein Berg von einem Mann nennt.
Haris vereinbart mit Nedzo Serif (wird Scheriff ausgesprochen!) eine Rückenmassage. Ich frage mich, wo ich die Kraft hernehmen soll, diesen Hünen befriedigend zu behandeln. Ich schiele auf den Fragebogen „any other information“. Dort steht, dass Nedzo acht Monate im Lager gefoltert worden ist, weil sein Bruder nicht aufzufinden war. Er ist geflohen und sie haben ihn wieder geschnappt. Für weitere sechs Monate. Keine weiteren Familienmitglieder vorhanden.

Er legt sich lautstark auf den Tisch und ich bestaune seinen breiten, stark behaarten Rücken. Seine kräftigen Muskeln. Während ich seinen Rücken kraftvoll einöle, schließt er seine Augen und gibt einen brummenden Ton von sich. Ich arbeite sehr konzentriert und der Hüne verwandelt sich vom Grizzlybär in einen kleinen Jungen. Ich erschrecke mich beinahe, als er mit kräftiger Stimme fragt, wo ich denn jetzt wirklich herkomme? Ich antworte, dass mein Vater Serbe ist und meine Mutter Ungarin.
Ich habe Angst.
Vielleicht hat er was gegen Serben? – „war nix mit kleiner Junge.“

Nedzo fängt an zu singen. Laut, gekonnt und sicher.
Er singt ein serbisches Lied über eine Ungarin, welches meiner Familie und mir schon viel Freude gemacht hat. Ein herzliches und befreites Lachen platzt aus mir heraus und ich fühle mich nicht imstande zu arbeiten. Er lacht auch, steht auf und will mit mir tanzen! Dann läuft er auf die Straße und kauft mir einen Blumenstrauß.

Die Zeit scheint zu verfliegen. Meine englischen Kollegen und ich nutzen das Wochenende sowohl zum Seele baumeln lassen als auch zum Unsinn machen. Wir lachen viel und leben dieses dichte Leben von Moment zu Moment.
Die Nähe zu Menschen, deren Sicherheitsdenken völlig zerstört ist, lässt uns jeden Augenblick besonders kostbar erscheinen.

Zurück in Sarajevo

Zurück in Sarajevo fährt Stan mit unserer Übersetzerin Senaida in ein Flüchtlingslager, ich fahre in ein anderes.
Nach einer kurzen Busfahrt sehe ich das Flüchtlingslager.
Zehn Häuser mit der Aufschrift: Die EU Kommission NL hat 260 Refugees ein Heim ermöglicht.

s_kaffeeLaut den Erklärungen von Senaida muß ich zur Tür am ersten Haus herein gehen, sagen, dass ich von HHN komme und acht Frauen behandeln möchte. Die Namen stehen fest, die Fragebögen sind ausgefüllt. Ich schaue mich suchend um und klopfe an. Da niemand reagiert, ziehe ich meine Schuhe aus und gehe hinein. Als ob es das Selbstverständlichste der Welt ist, dass eine fremde Person im Wohnzimmer steht, schauen mich drei Frauen an und fragen, ob ich schon einen Kaffee hatte. Ich lache, sage nein und erkläre, warum ich hier bin.

s_massageDer Raum ist ungefähr zwölf qm groß, hier leben 8-12 Personen. In vier Stunden massiere ich sechs Frauen auf dem Sofa. Die Frauen haben mich in ihr Herz geschlossen und betrachten mich als willkommene Abwechslung. Sie löchern mich mit möglichen und unmöglichen Fragen, kochen ständig Kaffee und stecken mir Zigaretten in den Mund. Ich gebe mich der fröhlichen Runde hin. Die Wörter gehen hin und her, doch das Lächeln bleibt.
Nachts liege ich erschöpft im Bett und das Lächeln ist noch da. Die Hände finden ihren Weg und die Menschen sind dankbar. Ich wachse stündlich an Erfahrungen. Durch die Konfrontation mit mir unbekannten Gesundheits- und Gefühlszuständen scheine ich ständig neue Massage Techniken zu entwickeln. Meine Intuition und mein Selbstbewusstsein wachsen mit.

Die Sonne scheint und es ist warm.
Ich bin angespannt.
Angespannt, bis ich Blickkontakt mit unserem Fahrer habe.
Salih.
Dann fliege ich nach Köln.“

…wieder zu Hause

s_forgetJetzt ist es so, dass ich manchmal morgens wach werde und meinen Körper betrachte. Wie reibungslos dieses Wunderwerk funktioniert, wie hilfreich es mir dient und wie gut es sich anfühlt. So gesund. Und alles dran.
Ich bin erschrocken über die Grausamkeit, zu der wir Menschen fähig sind.
Ich bin berührt über die Zärtlichkeit, zu der wir Menschen fähig sind.

Viele Dinge, die mir vorher zu schaffen machten, haben sich relativiert.
Der Augenblick ist mir wichtig geworden.
Der Augenblick, in dem sich Menschen berühren.

Ich bin dankbar, dass ich diese Reise machen konnte und soviel erlebt habe.
Gefühlt, gelebt und erfahren habe.
Ich achte jeden Menschen und respektiere seine Person.
Ich bin mir im klaren darüber, dass alle Empfindungen von der jeweiligen Persönlichkeit und dem Lebensumfeld abhängen.
Und keine Empfindungen existieren, die nicht ihren Platz haben dürfen.